Die Wüste der verbotenen Kunst
Die Wüste der verbotenen Kunst

Die Wüste der verbotenen Kunst

„The Desert of forbidden Art“ so lautet der Titel des 2010 erschienen Dokumentarfilms über Igor Savitsky, der in der usbekischen Wüste ein Museum erschaffen hat und dort über Jahrzehnte die verbotenen Kunstwerke politisch brisanter Künstler vor den Behörden der Sowjetunion versteckt und bewahrt hat. Igor Savitzky hat der Sammlung und Erhaltung dieser Kunstwerke sein Leben gewidmet. Das Savitsky Museum Nukus soll heute die weltweit wichtigste Sammlung russischer avantgardistischer Kunst beheimaten.

Nukus ist die Hauptstadt von Karakalpakistan, eine autonome Region im Westen Usbekistans, die flächenmäßig ein Drittel des Landes ausmacht. Der Anteilen der Gesamtbevölkerung Usbekistans ist mit knapp 2 Millionen Einwohnern jedoch einen wesentlich geringer. Im Norden der Region befindet sich das südliche Ufer des dramatisch austrocknende Aralsees, dessen nördliche Ufer zu Kasachstan gehören. Um Wasser für den intensiven Baumwollanbau zu fördern, ließ die Sowjetische Regierung immer mehr Bewässerungskanäle von den zwei Hauptflüssen, die den See speisten (Amudarja und Syrdarja) bauen. In der Folge wurde so viel Wasser entzogen, dass die Flüsse versiegten, ehe sie den Aralsees erreichen konnten. Der See trocknete mehr und mehr aus. Wo früher direkt am See bedeutende Städte der Fischereiindustrie lagen, wie Munyak, Usbekistan oder Aral, Kasachstan, sind heute nur noch „Schiffsfriedhöfe“. Die Region ist mittlerweile großflächig ausgetrocknet und besteht größtenteils aus Wüstengebieten. Die Böden sind versalzen und zudem verseucht durch Pestizide und Düngemittel, die ebenfalls für die Bewirtschaftung der Baumwollfelder in großem Maße verwendet wurden. Die Rückstände werden mit dem Staub der Wüste verweht und führen dazu, dass Atemwegs- und Krebserkrankungen in der Bevölkerung stark zugenommen haben. Während der Zeit der Sowjetunion gingen die karakalpakischen Traditionen und Kultur nahezu verloren, mit Ausnahme der Sprache. Sie klingt eher der Kasachischen, als der Usbekischen Sprache ähnlich. Ausgerechnet in dieser kargen Gegend liegt eines der bedeutendsten Museen Asiens.

Nach dem zweiten Weltkrieg führte die Regierung der Sowjetunion an verschiedenen Testgebieten Forschungen an biologischen Waffen durch. Ganz Karakapakistan war zu dieser Zeit Sperrgebiet für Touristen und Außenstehende. Diese Abgeschiedenheit erwies sich als sehr gelegen für die geheime Sammlung von Igor Savitskys Kunst. Der aus der Ukraine stammende Künstler, der in Moskau an der Kunstakademie studierte, kam 1950 nach Karakalpakistan, um als Zeichner für eine archäologische Expedition zu arbeiten und die Ausgrabungen der Ruinen der alten Zivilisation der Choresmien aus dem 6. Jh v. Chr. zu zeichnen. Savitsky war begeistert von den Menschen und der Landschaft Zentralasiens. Er hielt die Eindrücke aus der Wüste Karakalpakistans in seinen Gemälden fest und suchte dafür oft abgelegene Dörfer auf, aus denen er auch Antiquitäten, Handarbeiten, Textilien, Schmuck, etc. mitbrachte. Diese gingen später auch in die Sammlung seines Museums ein und stellen heute ein wichtiges Zeugnis der Kultur Karakalpakistan dar. 1966 eröffnete Savitsky in Nukus sein Museum, dem er sein ganzes Leben widmete. Beim Aufbau seiner Sammlung konzentrierte sich Savitsky auf so genannte informelle Künstler, die später den Namen „russische Avantgarde“ erhielten. Seine Mission war es, vergessene oder verbotene Kunstwerke aufzuspüren, die nicht in Stalins „Sozialistischen Realismus“ passten und daher von der Regierung zensiert wurde. Die Künstler wurden zu Unbekanntheit und finanzieller Not verdammt und teilweise politisch verfolgt. In den 60er Jahren lockerte sich die Zensur in des Regimes zwar ein wenig, Savitzkys Sammlung blieb aber trotzdem ein schwieriges und nicht ungefährliches Unterfangen. Aber er schaffte es auf wundersame Weise offizielle Mittel für den Erwerb und Restaurierung der verbotenen Kunstwerke zu beschaffen.

Die Geschichte über Igor Savitzky, wie auch umfangreiche Hintergründe, und Einblicke in die Staaten Zentralasiens habe ich aus dem Buch Sowjetistan von Erika Fatland. Erika Fatland beschreibt ihre Eindrücke während einer mehrmonatoigen Reise durch die „Stans“ mit dem Fokus auf die Herausforderungen und Perspektiven der Staaten nach dem Fall der Sowjetunion. Das Buch war eine großartige Lektüre zur Vorbereitung auf die Reise und ist lesenswert für jeden, der sich für die Geschichte und Politik Zenralasiens interessiert.

Die Ausstellung „Memory of Water“ zeigt Gemälde von verschiednen Künstlern und Stilen aus dem 20. Jahrhundert. Sie alle eint das Thema „Großes Wasser“. Die Flüsse und der See waren ein fester Bestandteil des Lebens vieler Menschen in der Aralsee-Region. „Doch dann geschah vor ihren Augen eine schreckliche Katastrophe. Amu Darya wurde katastrophal flach, und das Ufer des Aralsees zog sich unaufhaltsam zurück. Die vertraute Welt brach zusammen und zerstörte die Harmonie von Mensch, Erde und Wasser.“ und „Mit der Ausstellung dieser Bilder wollen wir die Aufmerksamkeit der jüngeren Generation wecken, die das „Große Wasser“ nie so gesehen hat, wie es einmal war, und sie daran erinnern, dass sie die Erinnerung an das Wasser bewahren und handeln sollten, damit das uralte Land der Aralseeregion nicht von einer neuen Tragödie heimgesucht wird.“

Bei der Beschreibung dieser „Tragödie“ bleibt unausgesprochen, dass es sich um eine der größten menschengemachten Naturkatastrophen handelt. Es scheint, als habe sich das Museum bis heute nicht ganz von staatlicher Zensur befreien können.

Der Aralsee an der Grenze von Kasachstan zu Usbekistan gehörte einst zu den größten Binnengewässern der Erde. Doch nachdem die sowjetische Regierung das Wasser des Sees umleitete, um Baumwollplantagen zu bewässern, trocknete der See nach und nach aus. Während der kasachische Teil durch einen Staudamm gerettet werden konnte, verlandet der Südteil immer weiter. Heute kämpfen die Menschen in der Region mit den Folgen dieser Entwicklung: Die Luft wird schlechter, giftige Sandstürme häufen sich und die Fischer verlieren ihre Einkommensgrundlage.“ Quelle: https://www.nationalgeographic.de/umwelt/zentralasien-es-war-einmal-ein-see

Wir nehmen eine Marschrutka (oder Minibus) zurück in unsere Unterkunft. Wir kennen sie bereits aus Georgien, sie sind, auch in Zentralasien ein wichtiges Transportmittel. Für weitere Strecken in die nächste Stadt werden häufig Sammeltaxis genutzt. In den kleinen Minibussen, finden bis zu 8 Fahrgästen Platz. Sie sind nummeriert und fahren bestimmte Routen. Beim Halten sind sie aber flexibel. Eine Fahrt kostet 1500 Sum pP. Mit uns warten viele andere Menschen am Straßenrand auf einen Minibus. sie helfen uns, den richtigen Minibus heranzuwinken.

Es gibt viele modisch gekleidete Frauen, die sehr westlich wirken. Aber auch viele traditionell gekleidete Frauen mit weiten Hosen oder Röcken und darüber einer Tunika, alles sehr farbenfroh. Einige Frauen tragen Kopftuch, das sie sich entweder im Nacken am Haaransatz zusammenknoten oder die Enden um den Kopf herum binden. Der Hals und das Haar sind nicht vollständig bedeckt, man ist hier anscheinend nicht so streng. Alle Menschen sind sehr freundlich, gucken uns interessiert an, grüßen. Manche schütteln uns sogar die Hand und fragen wo wir herkommen. 

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