Stadt mit 2 Buchstaben: Ош (Osch) und das Ferghanatal
Stadt mit 2 Buchstaben: Ош (Osch) und das Ferghanatal

Stadt mit 2 Buchstaben: Ош (Osch) und das Ferghanatal

Der Besitzer unseres Hotels ist ein wenig eigenartig aber extrem freundlich. Jeden Morgen klopft er 5 Minuten vor der verabredeten Zeit an unsere Zimmertür, um uns zu sagen, dass das Frühstück fertig ist. Er beendet jeden Satz mit einer kurzen Pause auf die hin er „do you understand?“ sagt, was mich jedes Mal etwas irritiert. Man muss aber anerkennen, dass er ein sehr aufmerksamer Gastgeber ist und das Hotel picobello führt. Er zaubert uns kunstvolle Rühreier oder Spiegeleier und er setzt sich zu uns an den Nebentisch, um uns beim Frühstück Gesellschaft zu leisten (oder umgekehrt?). Er bewohnt das Hotel mit 6 Gästezimmern allein. Es ist Ende der Saison und wir seine einzigen Gäste. Seine Frau ist ebenfalls ausgeflogen. Seine Arbeit macht ihm sichtlich Freude, stolz erzählt er uns, aus wie vielen Ländern er schon Gäste empfangen hat. Über Gäste aus Deutschland freut er sich anscheinend besonders. Seine Tochter lebt seit einigen Jahren in Frankfurt. Er war sie bereits einige Male besuchen und schwärmt von den sauberen Straßen, von den Schlössern – und von der Wurst.

Seine Tochter ist mit einem Kasachen verheiratet, sie haben sich im Studium in den USA kennengelernt. Mit ihrer gemeinsamen Tochter sprechen sie zu Hause nur Deutsch. Seine Enkeltochter ist im Kindergartenalter. Sie versteht nur ein paar Worte Russisch und seine Tochter und sein Schwiegersohn müssen helfen, wenn er sich mit ihr unterhalten will. In Kirgistan verdiene man nicht viel Geld, die Berufschancen seien nicht gut, erklärt er uns. Er ist froh und stolz, dass seine Tochter in Deutschland lebt. Dass so viele Flüchtlinge aus der Ukraine, aus Syrien und Afghanistan nach Deutschland kämen, hält er hingegen für problematisch. Sie brächten auch zu viele Kinder mit. Wir wissen nicht recht, was wir darauf erwidern sollen und wechseln das Thema.

Er fragt, ob uns das Obst schmeckt und lacht. In deutschen Supermärkten habe er extra ausgewiesenes Bio Obst gefunden. Hier bekomme man gar nichts anderes als „Bio“. Chemie in der Landwirtschaft sei nicht nötig und viel zu teuer. Viele Menschen hier sammelten noch wild wachsendes Obst. Das bestätigt auch mein Reiseführer. Viele unserer Nahrungspflanzen kommen ursprünglich aus Zentralasiens. In den Vorebenen der Hochgebirge Zentralasiens gibt es noch Wildobstwälder, die einen wertvollen genetischen Schatz hüten. Daneben gibt es auch viele Öl- und Färbepflanzen, Heilkräuter und Zierpflanzen. Fun fact: Auch Wildtulpen kommen ursprünglich aus Zentralasien und wurden im Mittelalter nach Holland importiert und dort gezüchtet.

In Tadschikistan und in Kirgistan darf es auf einem gedeckten Tisch nie an einem Laib Brot, einer Kanne Tee und frischem Obst oder mindestens zwei Sorten selbstgemachterem Kompott fehlen. Auf den Märkten gibt es frische oder getrocknete Aprikosen, Feigen, Pflaume, Granatapfel, Weintrauben und Beeren, die wie große Johannisbeeren aussehen, geschmacklich aber eher an Kirschen erinnern. Außerdem Mandeln, Walnüsse, Pistazien und Cashews, die vorzüglich schmecken und sehr preiswert sind.

Spaziergang durch Osch

Wir spazieren den Tag über durch Osch, besuchen einen Markt und eine Art Freizeitpark. Wir kaufen in einer Apotheke Schmerzmittel, Zovirax und Vaseline (für umgerechnet 3 Euro!). Seit einigen Tagen plagen mich Zahnschmerzen. Durch die kalte und trockene Luft sind meine Lippen angeschwollen wie Gummireifen und rissig wie Schmirgelpapier. Außerdem verbringen wir viel Zeit in einem Café, schreiben Nachrichten an Freunde und Verwandte und recherchieren im Internet für unseren Blog.

Am Abend haben wir uns mit Micha und Axel in einem Restaurant verabredet. Wir haben die beiden Deutschen auf der Pamir Highway Tour kennengelernt. Ihr Fahrer und unser Fahrer waren Cousins und so ergab es sich, dass wir uns immer wieder trafen und Freundschaft schlossen. Micha hat beruflich mehrere Jahre in Zentralasien gelebt, zuletzt in Taschkent. Er empfahl uns das Restaurant NAVAT, eine Kette, die es in mehreren Ländern gibt und die sehr gute regionale Küche in einer schönen orientalischen Atmosphäre serviere. Vor dem Restaurant wartend läuft uns durch Zufall eine andere Gruppe vom Pamir Highway in die Arme, die denselben Plan für den Abend hatten. Es wird eine große Runde. Micha bestellt eine Auswahl an Vorspeisen, Manti, Somsa und Boortsog mit einem Knoblauch-Yoghurt Dip. Zum Hauptgang empfiehlt er Laghman, ein spezielles Nudelgericht, das man als Suppe oder gebraten mit Rind- Pferde- oder Hammelfleisch bestellen kann.

Navat Restaurant.

Zum Abschied versorgt uns Micha noch mit Restaurant- und Ausflugstips für Taschkent und Almaty. Außerdem gibt er mir die Handynummer eines Kollegen in Taschkent und eines Zahnarztes. Ich sollte es vielleicht besser nicht bis zur Heimreise hinauszögern zum Zahnarzt zu gehen. Gleichzeitig ist die Vorstellung, mich jemandem auszuliefern, mit dem ich mich kaum verständigen kann, der pure Albtraum. Es beruhigt mich sehr, dass ich nun einen vertrauensvollen Kontakt habe. Ich hoffe nach wie vor, dass sich die Schmerzen bis Taschkent durch wundersame Weise von allein beruhigen.

Durch das Ferghanatal – zurück nach Usbekistan

Am nächsten Tag geht es weiter durch das Ferghanatal und über die Grenze zurück nach Usbekistan. Wir sind in einer Schlaufe unterwegs von Samarkand nach Duschanbe, über den Pamir Highway nach Kirgistan (Osch) und wieder zurück nach Taschkent in Usbekistan. Von dort wollen wir schließlich wieder nach Almaty in Kasachstan reisen. Es klingt etwas umständlich, ist aber von der Route her praktisch. Praktisch ist vor allem auch, dass die Grenzübergänge so problemlos klappen. Zwischen Kirgistan und Usbekistan haben wir heute kaum anstehen müssen. Wir haben uns vom Hotel aus mit einem Taxi an die eine halbe Stunde entfernte Grenze bringen lassen (für 200 Sum umgerechnet ca. 2€). Zu Fuß geht es über die Grenze. Als wir ankommen, sehen wir, dass einiges los ist. Wir werden an den wartenden Menschen vorbeigeleitet und bevorzugt bei der Passkontrolle behandelt. Das ist uns etwas unangenehm, bei all den Kindern und betagten Menschen, denen es sicher schwerer fällt zu warten aber man nimmt es uns anscheinend nicht übel, denn wir werden von den meisten Menschen freundlich und neugierig begrüßt.

Im Sammeltaxi nach Andijan sitzt mit uns eine Usbekin, die gerade von einer Hochzeitsfeier kommt. Völlig unvermittelt greift sie in ihre Tasche und zieht eine Tüte mit einem großen Laib Brot, getrockneten Aprikosen und Süßigkeiten heraus, die sie uns schenkt. Sie zeigte uns Videos vom Brautpaar und der Feier und von ihrem Enkel, der in den USA studiert hat und jetzt anscheinend Englisch unterrichtet in Taschkent. Wir plaudern ein bisschen mit unseren paar Brocken Russisch und Google Translate und zeigen ihr auf dem Handy Fotos unsere bisherigen Route. In Andijan haben wir noch Zeit für ein Mittagessen, bevor unser Zug nach Kokand fährt.

Zwei Tage in Kokand

Der nächste Halt ist Kokand, eine weitere Stadt auf der Seidenstraße und ein historisches Zentrum des Ferghanatals. Das Ferghanatal ist eine der fruchtbarsten Regionen Zentralasiens. Es erstreckt sich über 300 km lang von Chudchand (Tadschikistan) im Westen bis Osch (Kirgistan) im Osten und ca. 150 km breit zwischen den Ausläufern des Tienschan Gebirges im Norden und dem Alaigebirge im Süden, das wir schon auf unserer Pamir Tour über den Taldyk-Pass in Kirgistan überquert haben. Dazwischen gehört ein großer Teil der Fläche zu Usbekistan. Das Tal wird durchzogen von dem wasserreichen Fluss Syrdarja (der wiederum zieht im weiteren Verlauf nach Kasachstan und bildet den nördlichen Zufluss des Aralsees). Dieses fruchtbare Land, mit den guten klimatischen Bedingungen und der geschützten Lage zwischen den Bergen wurde schon vor tausenden Jahren besiedelt. Ferghana soll aus dem Persischen abgeleitet „Vielfalt“ bedeuten. Ihre blühende Landwirtschaft (hier wächst alles in Fülle, Maulbeeren, Granatäpfel, Wein, Pistazien, Walnüsse, Kirschen, Reis uns Baumwolle) und Handwerkskunst (die Region ist u.a. berühmt und beliebt für ihre Keramik und die Seidenherstellung in Margilan) haben der Region zu Reichtum verholfen und sie natürlich begehrenswert für viele Eroberer gemacht.

Während der Sowjetunion wurden willkürlich Grenzen durch das Tal gezogen, um es unter Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan aufzuteilen. Mit der Unabhängigkeit der Staaten begann unter den Ländern ein anhaltender wirtschaftlicher und politischer Konflikt um diese Grenzen. Die Aufteilung der Region hat zahlreiche ethnische Enklaven in den neuen Staaten entstehen lassen, was weitere Konfliktpotenziale birgt. Heute geht es der Region, aufgrund der politischen Konflikte und Probleme in der Infrastruktur, wirtschaftlich nicht mehr so gut.

Von Andijan aus fahren wir mit dem Zug in das 1 1/2 Stunden entfernte Kokand. Zwei Nächte haben wir eingeplant, die Stadt ist mit rund 200.000 Einwohnern überschaubar groß. Wir schlendern durch die Stadt, Hauptsehenswürdigkeit ist der Palast des Xudayar Khan aus dem 19. Jahrhundert.

Am 04. Oktober verlassen wir Kokand in Richtung der usbekischen Hauptstadt Tashkent.

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