22 Stunden im Bosporus Express nach Istanbul
22 Stunden im Bosporus Express nach Istanbul

22 Stunden im Bosporus Express nach Istanbul

Wir mussten unsere Pläne ändern. Und dann fällt bei 34°C die Klimaanlage aus… aber eins nach dem anderen.

Eigentlich wollten wir von Bukarest weiter in die bulgarische Hauptstadt Sofia fahren und dort 2-3 Tage verbringen um anschließend weiter nach Istanbul zu reisen.

Aber, eine Zugreise ist im Vergleich zu einer Flugreise wesentlich schwieriger zu planen. Über die bekannten Flug-Suchmaschinen lässt sich in fast jeder Ecke der Welt ein Flug buchen. Im europäischen Zugverkehr hingegen gibt es keine einheitliche Ticket-Plattform. Den Zug nach Zagreb haben wir über die österreichische Bahn (ÖBB) und den Nachtzug von Budapest nach Bukarest über die rumänische Bahngesellschaft (CFR) online gebucht. Wir versuchen ein Ticket für den Sofia-Istanbul-Express über die bulgarische und türkische Eisenbahn zu reservieren, was absolut nicht möglich ist. Die Webseite Seat61 ist quasi das Handbuch für die Buchung von internationalen Zugtickets. Hier erfahren wir, dass wir eine Agentur anfragen oder versuchen können, die Tickets in Sofia zu kaufen. Wir fragen also die Agentur per E-Mail an, ob es für unser Datum (18.08.) noch freie Plätze gibt. „Train fully booked“ ist die knappe Antwort. „22.08. first avability“ folgt 10 Minuten später. Das ist für uns zu spät, wir müssen am 23.08. in Ankara sein. Es gibt auch Busverbindungen von Sofia nach Istanbul, aber für eine 8 Stunden Busfahrt können wir uns nicht begeistern.

Die Alternative ist, auf Sofia und Bulgarien zu verzichten und direkt von Bukarest in die Türkei zu fahren. Wir können die Tickets für einen 4er Liegewagen online (55 Euro p.P.) buchen, müssen sie nur in Bukarest vom Bahnhof abholen, was super funktioniert. Die einzige Zugverbindung soll um 10:50 Uhr in Bukarest Nord abfahren und am nächsten Tag um 06:34 in Istanbul Halkalı ankommen.

Wir stehen also am Freitag (18.08.) pünktlich mit vielen anderen Backpackern am Bahnsteig 1 und sehen wie ein Zug mit drei Wagen rückwärts in den Kopfbahnhof einfährt. Der Zug besteht tatsächlich nur aus drei Wagen, von denen jeder einen anderen Zielort hat. Der erste Wagen ist von der bulgarischen Bahn und fährt bis Sofia, der zweite Wagen ist ein rumänischer und hat das Ziel Varna an der bulgarischen Schwarzmeerküste.

Türkischer Wagen nach Istanbul

Der dritte Wagen ist von der türkischen Eisenbahn und fährt bis Istanbul. Das soll also der Bosporus „Express“ sein. Der Name klingt erstmal klangvoller, als dieser eine Wagen aussieht. Auf dem langen Weg an unser Ziel wird die Zugkomposition noch einige Male verändert. Wagen werden abgehängt, neue drangehängt, Lokomotiven ausgetauscht und die Fahrtrichtung einige Male geändert.

Wir steigen also ein und finden schnell das passende Abteil. Mit uns reisen Max und Jaris aus Heidelberg, die auf einer Interrail-Tour unterwegs sind. Die EU verlost jährlich ca. 30.000 Intervall-Pässe, teilnehmen kann jeder, der im gleichen Jahr 18 geworden ist und kann dann im drauf folgenden Sommer den Intervall-Pass (7 Tagen in 30 Tagen) einlösen. Max hat so einen Pass gewonnen, die beiden sind von Heidelberg über Neapel – Wien – Bukarest auch auf dem Weg an den Bosporus . Auf dem Rückweg wollen sie noch einen Abstecher nach Moldawien und Transnistrien unternehmen.

Der Zug rumpelt pünktlich los. Die Fahrt führt uns weiterhin in sehr. langsamen. Tempo durch flaches Land mit stillgelegten Ölförderungsanlagen und Feldern mit Sonnenblumen oder Weizen. Schon in Kroatien und Ungarn sind uns sehr viele Sonnenblumenplantagen aufgefallen, die dann vor allem zu Sonnenblumenöl verarbeitet werden.

Ölfelder nahe Ploieşti

In Südosteuropa sind es aktuell um die 34°C und die Klimaanlage in unserem Wagen fällt nach etwa 10 Minuten aus. Nach zwei Stunden stellen wir fest, dass sich die Klappfenster im Abteil tatsächlich öffnen lassen und es wird etwas angenehmer. Gegen 13:30 Uhr stehen wir in Giurgiu längere Zeit, dem letzten Bahnhof in Rumänien. Wir sind nicht mehr im Schengenraum und es finden Grenzkontrollen statt. Die Borderpolice sammelt alle Pässe ein, verschwinden für eine halbe Stunde und teilen die Pässe dann wieder aus. Dieses Spiel soll sich noch einige Male wiederholen… Wir verlassen Rumänien über die Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke, einer 2,8 km langen Stahlbrücke über den Grenzfluss Donau. Anschließend erreichen wir Russe in Bulgarien.

Hier wiederholt sich das Spiel mit den Pässen, außerdem wird der Zug neu zusammengewürfelt. Wir erhalten eine neue Lokomotive, netterweise funktioniert die Klimaanlage danach erstmal wieder. Die nächsten Stunden fahren wir durch Bulgarien. Wir schauen aus dem Fenster und sehen lange Zeit kleine Dörfer sowie viele Weizen- und Sonnenblumenfelder.

Am frühen Abend fahren wir durch das Mittelgebirge Sredna Gora, Ausläufern des Balkangebirges. Die Aussicht durch die dichten Wälder und Berge ist spektakulär. Ein Vorteil des langsam Reisens ist, dass wir die Aussicht genießen können.

Auf der weiteren Fahrt hält der Zug noch einige Male (insgesamt 36 Mal), wir legen uns irgendwann hin. Gegen 2 Uhr werden wir dann mit dem üblichen „Knock, Knock – Border Police – Wake Up – Passports“ geweckt. Wir geben unsere Reisepässe raus und erhalten sie nach einiger Zeit wieder. Die Klimaanlage ist inzwischen mal wieder ausgefallen. Bulgarien verlassen wir in Svilengrad und sind damit an der EU-Außengrenze angekommen, die mit Flutlichtern, hohen Zäune mit Stacheldraht und bewaffnete Grenzpolizisten gesäumt ist.

Eine halbe Stunde später, wir sind gerade wieder eingenickt, meldet sich erneut unserer Schaffner „Turkish Border – Passport Control – Luggage Control – Train Station Office – Train Out“. Das kam überraschend und der ganze Zug kramt seine sieben Sachen zusammen. Anschließend finden sich alle Reisenden mit ihrem Gepäck auf dem Bahnsteig wieder. Zunächst bekommen wir den ersten Stempel unserer Reise in unten Pässen, dann müssen wir in einem kleinen Häuschen unser Gepäck von einer X-Ray-Maschine durchleuchten lassen. Bei meinem Kamerarucksack gibt es eine Warnung auf dem Bildschirm. Ich muss kurz sagen woher ich komme, den Inhalt (Camera, Laptop, Batterien) erklären und kann dann weitergehen.

Die restliche Fahrt ist unspektakulär. Wir wachen gegen 8 Uhr auf und fahren gerade durch die Vororte Istanbuls. Gegen 9 Uhr kommen wir mit 2,5 Stunden Verspätung (der aufmerksame Leser erkennt ein Muster) in Istanbul Halkalı an. Der Bahnhof befindet sich im Westen der Stadt, rund 30 km vom Zentrum entfernt. Mit der S-Bahn geht es dann weiter…

Ankunft in Istanbul Halkali

Insgesamt waren wir rund 22 Stunden unterwegs, wovon wir sicherlich 6 Stunden an Grenzübergängen standen. Wir sind einigermaßen ausgeschlafen, aber der folgende Tag fühlt sich trotzdem wie nach einem Nachtdienst an.

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3 Kommentare

  1. Max

    War super nett euch kennenzulernen und von euren Reiseplänen zu erfahren. Ich werde den Blog auf jeden Fall weiter gespannt verfolgen!

    Beste Grüße und auf eine abenteuerliche Reise bis nach Hanoi

    Max und Jaris

  2. Pingback: Organisation der bisherigen Reise - Im Nachtzug nach Hanoi

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